Eines Abends schlich der Tiger Shir Khan durch den Dschungel. Er war sehr hungrig. Da fand er eine Holzhackerfamilie, die um ein Feuer saß.

Kurz entschlossen stürzte er sich auf die friedliche Familie. Er hatte aber den Sprung falsch berechnet und landete im Lagerfeuer. Dabei verbrannte er sich seine Pfoten. Heulend verschwand er im nächsten Gebüsch. Die Holzhacker flohen erschrocken in alle Himmelsrichtungen. Dabei vergaßen sie ihren kleinen Knaben. Er weinte aber nicht, sondern stand auf und versuchte selbst durch den Dschungel zu gehen.
Bald traf er auf einen großen, grauen Wolf. Der Wolf nahm den kleinen Knaben sorgfältig in sein Maul und trug ihn in seine Höhle.


Mowgli mit sinen Freunden im Dschungel, Otolo

Die Frau des Wolfes hieß Raksha. Ihr gefiel das Menschenkind so gut, dass sie beschloss, es mit ihren Jungen aufzuziehen. Sie gab ihm den Namen Mowgli. Das bedeutet „der Frosch", denn er hatte kein richtiges Fell wie die Wolfsjungen, sondern eine glatte Haut.

Shir Khan gab die Jagd nach dem kleinen Kind nicht auf. Er hatte einen Freund, den Schakal Tabaqui. Der war faul und jagte nicht selber, sondern fraß die Reste, die ihm seine Freunde übrig ließen. Tabaqui wusste, wo Mowgli war, und führte Shir Khan zu der Wolfshöhle. Shir Khan war aber zu groß, um in die Höhle zu kriechen, und konnte so den Wölfen nichts tun.

So tat er alles, um wenigstens zu verhindern, dass Mowgli in die Gemeinschaft der Wölfe aufgenommen wurde. Sobald ein Wolf nämlich auf den Läufen (Hinterbeine) stehen kann, müssen ihn seine Eltern am Ratsfelsen dem Rudel vorführen und warten, ob er in die Wolfsgemeinschaft aufgenommen wird.
Als Rakshas Jungen laufen konnten, ging sie mir ihnen und Mowgli zum Ratsfelsen. Akela, der schlaue und starke Führer des Rudels, lag ausgestreckt auf einem großen Felsvorsprung. „Ihr kennt das Gesetz des Dschungels, schaut genau hin, ihr Wölfe", so rief Akela dem Rudel immer wieder zu.

Inmitten des großen Kreises tummelten sich die jungen Wölfe. Ganz zuletzt schob Vater Wolf Mowgli in den Kreis. Ein dumpfes Gebrüll hinter dem Felsen verriet die Anwesenheit Shir Khans: „Das Menschenjunge gehört mir, was hat das freie Volk der Wölfe mit den Menschen zu schaffen?" So stiftete er einen Streit unter den Wölfen an. Die einen wollten Mowgli aufnehmen, andere waren dagegen. In einem solchen Fall müssen nach dem Gesetz des Dschungels zwei Fürsprecher (Freunde), außer den Eltern, sich für das Junge einsetzen und für ihn reden.
Baloo, der Bär, meldete sich. Da trat auch Bagheera, der Panther, in den Kreis und sagte: „Ich habe zwar kein Stimmrecht in eurem Kreis, doch kann ich nach dem Gesetz des Dschungels das Menschenjunge mit einem Preis erkaufen. Ich gebe euch einen fetten Bullen für das Menschenjunge.

Mit diesem Angebot waren alle Wölfe einverstanden. Und so geschah es, dass Mowgli in das Rudel aufgenommen wurde wegen Baloos Fürsprache und um den Preis eines fetten Büffels. Im Laufe seiner Dschungelausbildung lernte Mowgli unter der kundigen Führung von Baloo viele Tiere kennen. Er wusste bald, wie man sich bei Gefahren verhält. Er wurde zäh und willensstark. Trotz all dieser Vorzüge unterschied er sich von den Tieren des Dschungels, denn sie konnten seinem Blick nicht standhalten. So war er doch irgendwie ein Einzelgänger.

Baloo, der Bär, und der Panther Bagheera, die ihm geholfen hatten, in das Rudel aufgenommen zu werden, Akela, der Leitwolf, Chil, der Geier, und Hathi, der Elefant, aber auch Ikki, das Stachelschwein, und Mang, die Fledermaus, wussten das Menschenjunge zu schätzen. Sie alle hatten Mowgli gern.

Vor der Bandar-log, der Affenbande, und Kaa, der Riesenschlange, lernte Mowgli Respekt zu haben. Vor Tabaqui, dem Schakal, und dessen Freund Shir Khan, dem Tiger, nahm er sich in acht.
Mit Raksha, seiner Wolfsmutter, hatte er noch lange Zeit Verbindung, und er war in der Wolfshöhle ein gern gesehener Gast.

Trotzdem zog es Mowgli immer wieder zu seinesgleichen: den Menschen. So wohnte er in seinem späteren Leben in einem nahen Dorf, machte aber seinen Freunden im Dschungel immer wieder Besuche. Er vergaß auch die strengen Gesetze des Dschungels nie und war so seinen Dorfbewohnern ein weiser Lehrer, wenn
es ums Jagen und Forschen ging.

Quelle: Pfadfinderbüchle „Gueti Jagd" Pfadfinderbewegung Schweiz © 1.Auflage, www. hajk.ch